10.08.2026
Was passiert, wenn KI für uns das Schreiben übernimmt?
„Schreibe mir einen sachlichen Text für einen Blogbeitrag (ca. 2 DIN-A4 Seite) zum Thema: ‘Was passiert, wenn KI für uns das Schreiben übernimmt?‘“
Einmal Enter klicken, vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten korrigieren und schon hat man einen fertigen Text. Ein Prozess, der früher eine stundenlange Recherche und ein mühevolles Ausformulieren erfordert hat, ist damit in 5 Minuten erledigt.
Doch neben dem Vorteil, dass es uns viel Aufwand erspart, stellt sich eine wichtige Frage: Was passiert eigentlich mit unseren eigenen Fähigkeiten, wenn die KI den Schreibprozess für uns übernimmt?
Schreiben als Denkprozess
Schreiben ist nicht nur das bloße Aneinanderreihen von Wörtern, sondern ein kognitiver Prozess. Nach den Schreibforschenden Linda Flower und John R. Hayes gibt es drei zentrale Schreibprozesse, die sich während des Schreibens gegenseitig beeinflussen:
1. Planung (Planning)
In dieser Phase werden zunächst Ideen entwickelt, anschließend sinnvoll strukturiert und schließlich Ziele für den Text gesetzt.
2. Formulieren (Translating)
In dieser Phase werden die Ideen aus der Planung in geschriebene Sprache überführt. Dabei müssen Schreibende ihre oft noch abstrakten Gedanken in einen zusammenhängenden, linearen geschriebenen Text umsetzen.
3. Überarbeiten (Reviewing)
In dieser Phase überprüfen Schreibende, ob der entstandene Text und die Planung den gesetzten Zielen entsprechen. Falls nötig, überarbeiten sie entweder den Text selbst oder passen ihre noch nicht verschriftlichten Ideen an.
Diese drei Prozesse zeigen, dass Schreiben weit mehr als das bloße Erzeugen von Text ist. Genau diese kognitiven Anforderungen können durch den Einsatz von Hilfsmitteln teilweise ausgelagert werden.
Was passiert, wenn KI die Denkarbeit für uns übernimmt?
Wir Menschen verfügen nur über begrenzte mentale Kapazitäten. Um diese zu entlasten, verwenden wir seit jeher Hilfsmittel. So nutzen wir beispielsweise unsere Finger oder einen Taschenrechner, um Rechenaufgaben zu lösen. Diese Auslagerung kognitiver Anforderungen an externe Hilfsmittel bezeichnet man als „Cognitive Offloading“. Im Grunde ist das eine sinnvolle Strategie, denn dadurch werden kognitive Ressourcen frei, die für anspruchsvollere Aufgaben genutzt werden können. Während in der Vergangenheit diese Hilfsmittel vor allem bei einzelnen Teilschritten unterstützten, eröffnet generative KI heute die Möglichkeit, deutlich komplexere Aufgaben zu übernehmen. So kann sie die zentralen Prozesse des Schreibens, also das Planen, Formulieren und Überarbeiten schon nahezu vollständig übernehmen.
Genau hier setzt die aktuelle Forschung an: Welche Auswirkungen hat es, wenn wir immer größere Teile des Schreibens an KI auslagern?
Es gibt bereits Untersuchungen [1], die einen negativen Zusammenhang zwischen der häufigen Nutzung von KI-Werkzeugen und der Fähigkeit zum kritischen Denken feststellen. Als Erklärung wird unter anderem genannt, dass durch Auslagerung kognitiver Prozesse an KI-Systeme weniger eigene Denkprozesse stattfinden.
Für die konkrete Frage, ob wir durch den Einsatz von KI langfristig die Fähigkeit zum Schreiben verlieren, gibt es bislang jedoch noch keine eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse.
Eine andere Studie [2] sieht die Annahme kritisch, dass Cognitive Offloading zwangsläufig zu weniger Denken führt. Die Teilnehmer nutzten ChatGPT nicht ausschließlich, um Aufgaben auszulagern, sondern auch, um Konzepte zu klären, Alternativen abzuwägen, Inhalte in eigene Worte zu fassen oder Antworten zu überprüfen. Die Forschenden argumentieren daher, dass KI Denkprozosse nicht zwingend ersetzt, sondern sie stattdessen neu organisiert.
Gleichzeitig betont die Studie, dass die Auswirkungen von KI wesentlich davon abhängen, wie wir mit ihr interagieren. Während eine bewusste, reflektierte Nutzung, bei der Ergebnisse überprüft und weiterverarbeitet werden, kognitive Prozesse unterstützen kann, besteht bei einer unkritischen Übernahme von KI-generierten Inhalten das Risiko, dass eigene Denkprozesse weniger aktiv ausgeführt werden.
Doch gilt das auch speziell für das Schreiben?
Eine weitere Studie [3] untersuchte genau diese Frage und verglich verschiedene Formen der KI-Unterstützung im Schreibprozess.
Dafür wurden die Teilnehmenden in drei Gruppen aufgeteilt, die jeweils einen Essay schreiben sollten. Eine Gruppe arbeitete mit einem Chatbot, eine Gruppe schrieb gänzlich ohne KI-Unterstützung und eine Gruppe mit Script&Shift.
Script&Shift ist ein KI-basiertes Werkzeug, das Schreibende während des Schreibprozesses unterstützt, anstatt automatisch einen vollständigen Text zu generieren. Der Schreibende trifft weiterhin alle wesentlichen Entscheidungen und behält vollständige Kontrolle über den Schreibprozess.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Nutzenden von Script&Shift ein stärkeres Gefühl der Kontrolle und Eigentümerschaft über den Text hatten und waren eher bereit, ihren Text zu veröffentlichen, als jene Gruppe, welche mit einem herkömmlichen Chatbot gearbeitet hat. Überraschenderweise lagen die Werte teilweise sogar über denen der Testgruppe, welche ohne KI- Unterstützung gearbeitet hat. Die Forschenden erklärten dies damit, dass Personen ohne KI-Unterstützung möglicherweise ein anderes Verständnis davon hatten, was Kontrolle im Schreibprozess bedeutet.
Auch andere Studien weisen darauf hin, dass der Einsatz von KI nicht zwangsläufig negative Auswirkungen haben muss. Die Forschung zeigt vielmehr, dass es darauf ankommt, wie KI genutzt wird. Werden KI-generierte Inhalte unkritisch übernommen oder entsteht eine übermäßige Abhängigkeit von der Technologie, kann dies die Handlungsfähigkeit der Schreibenden beziehungsweise Lernenden beeinträchtigen. Bleiben Lernende hingegen aktiv am Schreib- und Lernprozess beteiligt, überprüfen die Ergebnisse kritisch und steuern die Nutzung der KI selbst, kann KI den Schreibprozess sinnvoll unterstützen.
Es ist eine Frage, wie wir mit der KI interagieren
Da generative KI-Werkzeuge für das Schreiben noch eine verhältnismäßig neue Entwicklung sind, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen, welche langfristigen Auswirkungen ihre Nutzung auf unsere Schreibkompetenzen haben wird.
Die bisherigen Forschungsergebnisse zeigen jedoch bereits, dass es nicht entscheidend ist, ob wir KI nutzen, sondern wie wir sie verwenden. Wird KI als Unterstützung im Schreibprozess genutzt und bleibt die Steuerung immer noch beim Menschen, kann sie den Schreibprozess sinnvoll ergänzen. Übernimmt sie dagegen große Teile des Denk-und Schreibprozesses, ist bislang noch nicht geklärt, welche langfristigen Auswirkungen dies auf unsere Schreib- und Denkkompetenzen haben könnte.
Vielleicht kann es uns trotzdem nicht schaden, das eine oder andere Mal bewusst wieder selbst zu schreiben.
Weiterführende Links
[1] AI Tools in Society: Impacts on Cognitive Offloading and the Future of Critical Thinking
[2] Generative AI, Cognitive Offloading, and Learner Agency in Higher Education: A Scoping Review
Cognitive Offloading: Trends in Cognitive Sciences
https://www.researchgate.net/publication/239552089_A_Cognitive_Process_Theory_of_Writing
Kontakt: Lea-Marie Föll
Lea-Marie Föll studiert Mobile Medien und beschäftig sich insbesondere mit den Themen UI/UX und nutzerzentrierte Gestaltung. Derzeit ist sie Praktikantin am Fraunhofer IAO und vertieft dort ihr Wissen im Bereich User Experience sowie Künstlicher Intelligenz.