01.10.2026

Kreatives Selbstvertrauen und KI

 

 

Künstliche Intelligenz (KI) – die neue Super-Technologie, Lösung für jedes Problem und das absolute Allheilmittel bei jedem Schmerz?

Seit Anfang März 2026 arbeite ich nun als Praktikantin beim Fraunhofer IAO. Meine erste Aufgabe: eine Programmieraufgabe, doch zugegebenermaßen griff ich recht schnell zur KI.

Nach Abschluss der Aufgabe hatte ich Schwierigkeiten damit, stolz auf mich zu sein, denn: War das wirklich meine Leistung?

Grafik erstellt von Evita Mosthaf

Kreatives Selbstvertrauen

Und hierbei stieß ich auf den Begriff des kreativen Selbstvertrauens, welcher 2012 von den Designern und Brüdern Tom und David Kelley eingeführt wurde. In einem Interview beschrieb David Kelley das kreative Selbstvertrauen als die Vorstellung großer Ideen und die Fähigkeit zu besitzen, diese umzusetzen. Wenn man nicht selbstbewusst ist, hindert einen eine Angst daran, selbstbewusst zu sein. Wenn man jemanden dann aber mit einem einfachen Problem konfrontiert und der Person Erfolgserlebnisse ermöglicht, baut das Selbstvertrauen auf. Jedes Mal hat diese Person Erfolg und sagt am Ende schließlich: „Omg, ich bin ein kreativer Mensch!“¹.

Kreatives Selbstvertrauen kann man also (ver)lernen.

Grafik erstellt von Evita Mosthaf

Ich habe mir daraufhin fünf interessante Auswirkungsbereiche ausgesucht, auf welche die KI Einfluss hat und damit auch auf das kreative Selbstvertrauen.

  • Fähigkeiten
  • Neuronale Aktivität
  • Lernverhalten
  • Kultur
  • Psyche

 

Durch KI verlieren wir Fähigkeiten.

Unsere kognitiven Fähigkeiten drohen zu verkümmern, wenn KI-Agenten uns sämtliche Aufgaben abnehmen, behauptet Fachbuchautor Ulrich Karrenberg². Auch Martin Braun, Experte für menschliche Arbeit, meint, der Mensch verliere seine Orientierungs- und Reflexionsfähigkeit als Folge der Vernachlässigung der persönlichen Intelligenz³. Die TED-Talkerin Rachel Botsman behauptet, das „Over-trusting“ (= Übervertrauen) gegenüber der KI sei das wahre Risiko⁴.

Könnte man dadurch Fähigkeiten – wie etwa die kritische Selbstreflexion – verlieren?

 

Wir bezahlen die KI mit kognitiven Kosten.

Die Studie „Your Brain on ChatGPT”⁵ des Massachusetts Institute of Technology (MIT) untersucht die Auswirkung von Large Language Models (LLMs) auf das Gehirn. Bei der Aufgabe des Texteschreibens wurden die Teilnehmenden in drei Gruppen unterteilt. Eine Gruppe durfte LLMs für die Textverfassung verwenden, die zweite Gruppe nutzte hingegen Suchmaschinen wie etwa Google, während die dritte Gruppe lediglich auf die Nutzung des Gehirns limitiert wurde.

Das MIT bestätigt zwar, dass LLMs eine gewisse Bequemlichkeit bieten, erläutert jedoch auch, dass in dem Verlauf ihrer Studie mögliche kognitive Kosten erschienen sind. Laut dem MIT wurde nämlich bei LLM-Nutzenden eine geringere Vernetzung des Hirns festgestellt als bei Teilnehmenden, die lediglich ihr Gehirn nutzten.

Zwar wird die Künstliche Intelligenz überall als eine revolutionäre Unterstützung des Menschen dargestellt, doch könnte sie für die Schwächung kognitiver Leistung beim Menschen verantwortlich sein?

 

KI stört unser Lernerleben.

Auch die Lernumgebung verändert sich durch den Einsatz von LLMs. Laut der Forschungsprofessorin Sabrina Schork könnten Schülerinnen und Schüler durch die starke Vorstrukturierung des Lernerlebens der KI das Gefühl der Selbstwirksamkeit und Kontrolle verlieren, welche für die Wissensaneignung von großer Bedeutung sei⁶.

Außerdem tritt in diesem Kontext häufig der Begriff des „Automatisierungs-Bias“ (= Automation Bias) auf. Dieser beschreibt die menschliche Tendenz, die Verantwortung an eine Maschine abzugeben und nicht nach widersprüchlichen Informationen zu suchen oder diese zu ignorieren. Eine mögliche Folge des Bias wäre die Schwächung der eigenen Urteilskraft, welche einen essenziellen Bestandteil eines positiven Lernerlebens von Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden darstellt.

Wird man durch mehr KI-Nutzung vielleicht nicht nur KI-affiner, sondern übersieht dadurch auch immer mehr Fehler der KI oder sucht gar nicht erst nach solchen?

 

KI nimmt Vielfalt.

Ein weiterer wichtiger Auswirkungsbereich der KI ist die Kultur. Sowohl eine Bereicherung als auch eine Bedrohung der Diversität durch generative KI ist denkbar. „[Es] besteht die Gefahr einer kulturellen Homogenisierung, wenn KI-Systeme vorwiegend mit westlich geprägten Daten trainiert werden und globale kulturelle Normen reproduzieren“ erläutert Fachbuchautor Ulrich Karrenberg in seinem Buch „Metamorphose unserer Gesellschaft durch KI-Agenten“ ².

Generative KI kann auch durchaus diskriminierend sein. Dies bewies Microsofts KI-Chatbot „Tay“, der im März 2016 für die Social Media Plattform Twitter (heute X) entwickelt wurde. Der KI-Chatbot sollte an 18- bis 24-Jährige gerichtet sein und für Unterhaltung sorgen. Dabei eignete sich „Tay“ allerdings Verhaltensstrukturen der 18- bis 24-Jährigen an und entwickelte sich so zu einem rassistischen Chatbot, der Adolf Hitler verteidigte, Donald Trump förderte und diskriminierende Inhalte ausgab⁷. Dies beweist schließlich, dass Künstliche Intelligenz Diskriminierung stärken und damit auch Kultur gefährden kann.

Andererseits bringt Künstliche Intelligenz Menschen mit unterschiedlichen Wissensständen zusammen – sorgt die KI nun für mehr Gemeinschaft oder Zwiespalt?

 

Die KI schwächt unser Selbstvertrauen.

Für viele Menschen sind Verunsicherung, Überforderung und Angst seit der großen „KI-Wende“ hinzugekommen. Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Eva Elisa Schneider bringt in ihrem Buch „mental health matters: Gesund arbeiten – besser leben“ ⁸ die Gefahr auf, dass Einsamkeit, Scham und Isolation verstärkt werden, wenn Menschen sich nur noch mit KI über ihre Sorgen unterhalten. Die Distanz zu anderen Menschen vergrößert sich dadurch noch mehr.

Durch täuschend echte KI-Interaktionen können Menschen glauben, sich mit einem Menschen zu unterhalten. Durch die Erkenntnis getäuscht worden zu sein, könnten Betroffene sich „dumm“ oder „beschämt“ fühlen⁹. Dies wiederum könnte ein Verlust des Vertrauens in die eigene Wahrnehmung bedeuten.

Fühlen wir uns „dämlich“, „machtlos“, „faul“ durch Künstliche Intelligenz? Verlieren wir an Selbstbewusstsein, indem die KI Aufgaben schneller und besser erledigt?

 

Positives für uns und Ausblick für die zukünftige KI-Nutzung

Trotz der Negativität steht fest: die KI mag zwar in einigen Bereichen – beispielsweise bei der Datenanalyse – besser als der Mensch abschneiden, jedoch kann die KI bei den menschlichen Fähigkeiten wie etwa Pädagogik und Kreativität nicht mithalten¹⁰. Außerdem ist die KI nicht in der Lage, jede Facette der menschlichen Kunst zu kopieren, da die Besonderheit eines Kunstwerkes oft aus persönlichen Geschichten oder Erfahrungen des Kunstschaffenden resultiert⁹. Würden diese Werke rein von einer KI generiert, ginge ihr emotionaler Wert für den Betrachter oder die Betrachterin verloren.

Zum Schluss bleibt wichtig: „Reflektierte Herangehensweisen, […] regelmäßige Schulungen und Erläuterungen zum Einsatz von KI […]“¹¹ sowie „erhöhte Transparenz und mehr Vertrauen durch Bildung“¹⁰ könnten die wachsende Disruption reduzieren. Und letzten Endes entscheidet jede/r ein Stückchen für sich selbst, ob man die KI eine Unterstützung oder eine Bedrohung für die eigenen Fähigkeiten und die Psyche sein lässt.

Also: Eigene Fähigkeiten fördern, sich selbst dabei stetig herausfordern und das kreative Selbstvertrauen stärken, denn das hat die KI (zumindest Stand heute) nicht!

Quellen:

¹: Interview „Creative Confidence“ von David Kelley auf “DesignKit” (Design Kit)

²: „Metamorphose unserer Gesellschaft durch KI-Agenten“ (2025) von Ulrich Karrenberg

³: „Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf Arbeit, Beschäftigung und Gesundheit“ (2025) von Martin Braun

⁴: “Who can you trust? How technology brought us together and why it might drive us apart” (2017) von Rachel Botsman

⁵: „Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task” (2025) von dem Massachusetts Institute of Technology (MIT)

⁶: „Vertrauen in Künstliche Intelligenz – eine multi-perspektivische Betrachtung“ (2024) von Dr. Sabrina Schork

⁷: „Tay, Microsoft’s AI chatbot, gets a crash course in racism from Twitter” (2016) von Elle Hunt “The Guardian”

⁸: „mental health matters: Gesund arbeiten – besser leben“ (2024) von Dr. Eva Elisa Schneider

⁹: „Human/AI relationships: challenges, downsides, and impacts on human/human relationships” (2024) von Anne Zimmerman, Joel Janhonen und Emily Beer

¹⁰: „The introduction of AI in the construction industry and its impact on human behavior“ (2019) von der Norwegian University of Science and Technology (NTNU)

¹¹: “Künstliche Intelligenz (KI) und Mentale Gesundheit“ (2024) von dem ZBW – Leibniz Information Centre for Economics

 

Portraitfoto von Evita Mosthaf

Evita Mosthaf

Evita studiert Mobile Medien an der Hochschule der Medien und ist derzeit als wissenschaftliche Hilfskraft des Fraunhofer IAO im Team User Experience tätig. Dort setzt sie sich im Rahmen des Projekts KI-Studios mit Künstlicher Intelligenz auseinander. Designen und kreativ werden gehören dabei zu ihren besonderen persönlichen Interessen.

Zu ihrem LinkedIn-Profil geht es hier: Evita Mosthaf