29.07.2026
KI als Schlüssel zur inklusiven Arbeitswelt?
Künstliche Intelligenz (KI) wird derzeit vor allem mit Effizienz, Produktivität und Automatisierung in Verbindung gebracht. Gleichzeitig kämpfen viele Menschen noch immer mit grundlegenden digitalen Barrieren im Arbeitsalltag. Dieser Widerspruch hat mich beschäftigt, denn während neue KI-Anwendungen in rasantem Tempo entstehen, bleiben viele Herausforderungen – beispielsweise durch barrierebehaftete Software, komplexe Dokumente oder digitale Prozesse –, rund um Zugänglichkeit und Teilhabe bestehen. Vielleicht lohnt es sich deshalb, KI nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Produktivität und Automatisierung zu betrachten, sondern ebenso als ein Werkzeug, das dabei helfen kann, bestehende Barrieren abzubauen.
Barrierefreiheit als nachgelagerte Anforderung
Für viele Menschen mit Beeinträchtigungen ist die Arbeitswelt weiterhin mit zusätzlichen Herausforderungen verbunden. Zwar existieren zahlreiche assistive Technologien wie Screenreader, Vergrößerungssoftware oder Sprachsteuerungen, dennoch stoßen diese im Arbeitsalltag häufig an Grenzen. Erst durch den Austausch mit Nutzenden im Rahmen einer Accessibility-Testung einer Software-Anwendung wurde mir wirklich bewusst, wie viele Barrieren – beispielsweise durch mangelnde Kontraste oder schlecht wahrnehmbare Fehlermeldungen – trotz vorhandener Unterstützungstechnologien bestehen bleiben. Barrierefreiheit scheint in vielen Fällen noch immer eher als nachgelagerte Anforderung betrachtet zu werden, statt als selbstverständlicher Bestandteil der Entwicklung. Die daraus resultierende Herausforderung ist, die digitale Arbeitsumgebung so zu gestalten, dass alle Menschen gleichermaßen Zugang dazu haben. Denn Barrierefreiheit ist kein individuelles Bedürfnis einzelner Personen, sondern eine grundlegende Voraussetzung für gleichberechtigte Teilhabe. KI würde die bestehenden Systeme nicht ersetzen, sondern könnte sie dabei unterstützen, bestehende Hürden besser zu überbrücken und Informationen sowie Funktionen zugänglicher zu machen.
Unsichtbare Hürden sichtbar machen
KI könnte in diesem Zusammenhang eine neue Rolle einnehmen. Ähnlich wie Bewegungsdaten bei Projekten wie Stadtradeln Hinweise darauf liefern, wo Infrastruktur fehlt oder problematische Verkehrssituationen entstehen, könnten KI-Systeme wiederkehrende Schwierigkeiten in digitalen Arbeitsumgebungen identifizieren:.
- Wo treten Probleme besonders häufig auf?
- Welche Inhalte werden schlecht verstanden?
- Welche Anwendungen lassen sich mit unterstützenden Technologien nur eingeschränkt nutzen?
Solche Erkenntnisse könnten dazu beitragen, Barrierefreiheit nicht nur reaktiv, sondern systematischer zu betrachten. Viele Hürden bleiben für diejenigen unsichtbar, die nicht selbst von ihnen betroffen sind. KI könnte dabei helfen, wiederkehrende Muster frühzeitig sichtbar zu machen und ein besseres Verständnis dafür zu schaffen, wo digitale Barrieren entstehen. Auf dieser Grundlage ließen sich digitalen Systeme, mit denen wir täglich arbeiten – von Unternehmenssoftware über Websites bis hin zu Office-Anwendungen – gezielter weiterentwickeln und Zugänglichkeit stärker von Anfang an berücksichtigen.
KI als intelligente Unterstützung
Darüber hinaus kann KI dort unterstützen, wo Hürden bereits bestehen. Sie könnte Informationen verständlicher aufbereiten, alternative Zugangswege schaffen oder komplexe Inhalte an individuelle Bedürfnisse anpassen. Dadurch würden nicht nur Barrieren reduziert, sondern auch Arbeitsprozesse erleichtert. KI wäre in diesem Fall mehr als nur ein Werkzeug für Barrierefreiheit. Sie könnte Menschen dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten besser einzubringen, Aufgaben selbstständiger zu bewältigen und gleichberechtigt am Arbeitsleben teilzunehmen.
Inklusion von Anfang an mitdenken
Dennoch sollte KI nicht als Ersatz für barrierefreie Gestaltung verstanden werden. Eine Technologie, die Barrieren erkennt und beim Umgang mit ihnen unterstützt, kann wertvoll sein. Noch wichtiger ist jedoch, dass diese Barrieren gar nicht erst entstehen. Neue technische Lösungen dürfen nicht vertuschen, dass viele Probleme ihre Ursache in der Gestaltung von Systemen und Prozessen haben. Die Entwicklung von KI sollte deshalb nicht dazu führen, bestehende Herausforderungen aus dem Blick zu verlieren, sondern Anlass sein, sie bewusster wahrzunehmen und gezielt anzugehen. Wenn KI zunehmend Teil unserer Arbeitswelt wird, sollte Inklusion in Form von Nutzendenzentrierung und Partizipation von Anfang an mitgedacht werden und nicht erst im Nachhinein.
Müssen wir uns noch an die Technologie anpassen?
Assistive Technologien unterstützen Menschen mit Beeinträchtigungen bereits seit vielen Jahren dabei, ihren Arbeitsalltag selbstständiger zu bewältigen. Viele dieser Lösungen folgen jedoch einem ähnlichen Prinzip: Die Nutzerinnen und Nutzer müssen lernen, mit vorhandenen Systemen umzugehen und sich an deren Funktionsweise anzupassen. Künstliche Intelligenz könnte dieses Verhältnis nun verändern. Statt für alle Menschen dieselbe Oberfläche, dieselbe Sprache oder denselben Zugang bereitzustellen, können KI-Systeme Informationen individuell aufbereiten und auf unterschiedliche Bedürfnisse reagieren. Eine Person benötigt möglicherweise eine vereinfachte Erklärung, eine andere eine Bildbeschreibung oder eine Übersetzung in eine andere Sprache. Wieder andere profitieren von sprachgesteuerten Interaktionen oder einer automatischen Strukturierung komplexer Inhalte. Aus Nutzendensicht könnte KI dabei eine Art intelligentes Overlay darstellen, das nicht nur Darstellungsoptionen anbietet, sondern aktiv beim Verstehen, Navigieren und Interagieren unterstützt.
Damit verschiebt sich der Fokus von „der Mensch passt sich der Technik an“ zu „die Technologie orientiert sich zunehmend am Menschen“. Dadurch wird Unterstützung individueller, da Menschen unterschiedlich arbeiten, lernen und auf unterschiedliche Herausforderungen stoßen. Eine Technologie, die auf diese Unterschiede reagieren kann, eröffnet neue Formen der Teilhabe. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch die KI selbst barrierefrei nutzbar sein muss.
Teilhabe als Maßstab
KI wird häufig daran gemessen, wie stark sie Prozesse beschleunigt, automatisiert oder vereinfacht. Doch für viele Menschen entscheidet sich ihr Nutzen an einer anderen Stelle, – und zwar daran, ob sie den Zugang zu Arbeit erleichtert und bestehende Barrieren reduziert. Werden Menschen mit Beeinträchtigungen von Anfang an in die Entwicklung einbezogen, kann KI dabei helfen, Arbeitsplätze zugänglicher zu gestalten und individuelle Bedürfnisse stärker zu berücksichtigen. Besonders spannend finde ich dabei den Gedanken, dass sich das Verhältnis zwischen Mensch und Technologie verändern könnte. Statt dass sich Menschen immer wieder an digitale Systeme anpassen müssen, könnten digitale Systeme künftig stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen reagieren, die sie täglich nutzen.
Kontakt: Sara Geißler
Linkedin: Sara Geißler
Sara Geißler studiert Angewandte Gesundheitswissenschaften und absolviert derzeit ein Praktikum am Fraunhofer IAO. Dort beschäftigt sie sich mit den Themen Künstliche Intelligenz, digitale Barrierefreiheit und User Experience. Ihr besonderes Interesse gilt der Frage, wie Technologien nutzendenzentriert gestaltet werden können und welchen Beitrag sie zu mehr Teilhabe im Arbeitsalltag leisten.